unter Fahrtensegeln

Die Faszination für das Wattenmeer hatte uns schon als Kinder gepackt: Kai an Bord des elterlichen Jollenkreuzers, mich durch die jährlichen Sommerferien auf den westfriesischen Inseln.

Seit wir einen alten 16er auf der 6-Sechs-Seen-Platte liegen haben, gehen wir jedes Jahr ein langes Wochenende auf Watt-Fahrt. Zur Premiere gab´s Kaiserwetter im ostfriesischen Wattenmeer, das uns nach Belieben zwischen Watt und Nordsee pendeln ließ, weil die Seegatten zahmer waren als die heimische 6-Seen-Platte.

Danach haben wir das Weltnaturerbe zwei Jahre in Folge geographisch und meteorologisch von seiner anderen Seite kennengelernt. Im westfriesischen Wattenmeer zwischen Texel und Schiermonnikoog haben uns bis zu 28kn Wind schon auf der „geschützten“ Wattseite die Hosen nass gemacht – von innen und außen. Sturmfock und kleines Reff waren Dauerbrenner und der verbogene Mast zeugt bis heute von den Kräften, die Wind und Welle auf das Rigg ausgeübt haben. Beide Male hatte uns der Westwind soweit nach Osten geblasen, dass wir die Rückreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln antreten mussten, um Auto und Trailer am Ausgangspunkt ein zu sammeln.

Dieses Jahr war wieder Ostfriesland an der Reihe. Um die Segelzeit zu maximieren, hatten wir uns darauf verlegt, nachts zu slippen und loszufahren – LED-Positionslaternen machen es möglich. Beim Packen fiel Kai eine kleine, alte Flagge in die Hände: grün-rot-weiß gestreift. Wie oft hatten wir schon drüber philosophiert und festgestellt: alles eine Frage des Wetterfensters – wenn es passt, kann man auch mit einem Jollenkreuzer zur langen Anna und zurück.

Für den Fall der Fälle hatten wir ein bisschen aufgerüstet und dem Boot zusätzlich zu seinen Auftriebskörpern einen Kentersack spendiert. Neben einem Nicosignal und einem UKW-Handsprechfunkgerät komplettierte „SafeTrx“ der DGZRS unsere Sicherheitsausrüstung. Die App loggt die Schiffsposition und kann im Notfall von den Seenotrettern abgerufen werden.  Schwimmwesten und Lifebelts waren obligatorisch, ebenso wie GPS-Handgerät und aktuelle Seekarten.

Die Tide gab wie immer den Takt vor und das Zeitfenster um 3h früh ließ keinen Fährverkehr befürchten, der unserem Stapellauf in die Quere kommen konnte. Das größte Problem beim Nachtslippen ist übrigens nicht die Dunkelheit, sondern geschlossene Langzeitparkplätze. Sehr freundlich und zuvorkommend empfahl sich die Spiekeroog Garage in Neuharlingersiel, wo wir Auto und Trailer einfach vor die Tür stellen und den Schlüssel in den Briefkasten werfen durften.

Im Seegatt zwischen Spieker-  und Langeoog bogen wir an der Ansteuerungstonne Otzumer Balje rechts ab und nahmen im Licht des Sonnenaufgangs Kurs auf den Lummenfelsen. Es wurde ein Traumsegeltag. Kurs Helgoland war ein Anlieger und der leichte Wind immer noch genug Vortrieb für den Jollenkreuzer.

Wir machten es uns auf Backbordbug gemütlich und genossen das Meer, das Leben und uns. Ein bisschen spannend war nur das Queren der Fahrwasser von Jade, Weser und Elbe, weil die sommerlichen Temperaturen die typisch diesige Sicht produzierten.

Entsprechend spät kam auch der rote Felsen in Sicht. Da wir die Hafeneinfahrt nicht ohne Holeschlag gekriegt hätten, entschieden wir uns, gleich mal um die Insel rum zu segeln.

Um das Naturschutzgebiet herum ist eine amtliche Ehrenrunde, aber wir hatten alle Zeit der Welt und genossen den Anblick der langen Anna im Fenster.

Die Freunde, die wir eine Woche vorher beim Palby Fyn Cup versetzt hatten, quittierten unsere euphorischen Bilder hämisch „Früher war es gut, wenn man das Feld im Fenster sah. Jetzt genügt schon eine Insel“.

Egal, wir waren am Ziel und liefen gegen 15h in den Helgoländer Hafen. Auf der obligatorischen Inselrunde am angeblich pollenfreisten Flecken Deutschlands hatte ich den Heuschnupfenanfall meines Lebens und sah aus, als wäre ich bei G20 in eine Pfefferspraykanone geraten. Allem

unverzollten Sprit zum Trotz lag ich vor Sonnenuntergang in der Koje.

Am nächsten Tag trieben uns die Einkaufszettel süchtiger Freunde zurück an Land und mir die
gute Helgoländer Luft erneut die Tränen in die Augen. Durch einen Schleier sah ich Kai mit einer Seekarte für das nordfriesische Wattenmeer an der Kasse stehen. „Eigentlich käme man bei der Windrichtung locker bis nach Sylt, und wenn nicht, könnten wir uns im Amrumer Watt trocken fallen lassen“. Mir war´s egal, ich wollte nur noch weg, und so starteten wir kurz darauf Richtung Sylt, nachdem wir noch einmal ausgiebig mit Windprognose, Tidenkalender und Seekarte Rücksprache gehalten hatte.

Aber Windfinder Pro irrte in puncto Stärke. Wir dümpelten fast 2 Stunden vor der Düne, weil der Wind nur noch für Pollenflug reichte. Der Nordwind sollte später auf West drehen, was für die Rückreise eine lupenreine Kreuz bedeutet hätte. Also kassierten wir den Plan, gingen auf Gegenkurs und peilten als Tagesziel Norderney an, wo ein Clubkamerad im Urlaub weilte und uns eine Kiste Bier versprochen hatte.

Eine leichte Brise schob uns unter Spi aus dem Pollenkegel. Nachdem wir die großen Pötte hinter uns gelassen hatten, die auf Reede liegend darauf warteten, in die Elbe einzulaufen, waren wir alleine auf hoher See und genossen die Sonne. Rund um kein Land in Sicht erleben wir Binnenländer leider viel zu selten.

Irgendwann war in Lee wieder Land aus zu machen, und darüber eine interessante Wolkenformation. Sah aus wie ein zur Wurst gerolltes weißes Bettlaken, nach oben und unten klar begrenzt und ein paar Kilometer lang. Ich hatte noch schadenfroh darauf hinweisen wollen, dass es wahrscheinlich am Festland regnete, war aber irgendwie davon ab gekommen, weil wir Schutzfaktor 50 nach cremen mussten. Dann schlief der Wind komplett ein. Statt von gemütlichen ein bis zwei Windstärken aufgepustet fiel unser Spi müde in sich zusammen.

Wir liebäugelten gerade mit dem Aussenborder, als wir einen Windstrich kommen sahen. Hier spiegelglatte See, dort dunkle Kräusel auf dem Wasser, die flott näher kamen und uns Sekunden später erreicht hatten.  Mit einem Ruck füllte sich der Spi, allerdings von der falschen Seite. Hektisch halsten wir und schauten ungläubig erst zum Verklicker, und dann in den Himmel. Über uns hing eine zur Wurst gerollte weiße Bettlakenwolke, und im Gepäck hatte sie die angekündigten 3 Windstärken aus West.

Die Windrichtung und –stärke war zwar angekündigt, aber so eine lupenreine 90-Grad Kippe hatten wir noch nicht erlebt und waren eine Weile recht kleinlaut: wenn da mehr Wind drin gesteckt hätte, hätten wir ganz schön was zu tun kriegen können. Immerhin rauschten wir jetzt wieder mit schöner Fahrt Richtung Langeoog, unser modifiziertes Tagesziel. Für die die westlicheren Inseln hatten wir zu wenig Strecke gemacht.

Im Seegatt Accumer Ee zwischen Baltrum und Langeoog lief uns das ablaufende Wasser entgegen und die letzte Meile mussten wir gegen den Strom ankreuzen, weil der Motor nicht anspringen wollte. Im Langeooger Hafen wurde es dann sehr eng – und flach. Das „Fahrwasser“ hat bei Niedrigwasser exakt die Breite der kleinen Fähre. Am Ende blieben wir mit dem Ruderblatt im Schlick stecken, aber das ließ sich ja hochholen und der nette Stegnachbar zog uns an der zugeworfenen Leine an Land.

Zum Abschluss wollten wir endlich mal wieder trockenfallen. Wangerooge Ost ist ein wunderschöner Fleck dafür, allerdings waren unsere Vorräte erschöpft und wir wollten den letzten Abend nicht hungern und dursten. Also entschieden wir uns für einen Pitstop auf Spiekeroog, wo man schnell zu Fuß im Ort ist. Die Wattfahrt dorthin war ein Spigang bis in die Box. Wir hatten nur 30min Aufenthalt geplant, da uns das auflaufende Wasser ja noch weiter treiben sollte: wattwärts vorbei an Spiekeroog, dann seewärts entlang an Wangerooge bis zur Ostspitze der Insel.

Also flugs Eis für die Kühlbox, Bier und Grillgut aus dem nahen Örtchen geholt und schon segelten wir wieder: über Schillbalje und das Wattenhoch Hohe Bank Richtung Wangerooge, durch das Harle-Seegatt auf die Nordseeseite der Insel und dann mit der Flut unter Spi am Wangerooger Strand entlang Richtung Osten. Die Tide kenterte irgendwann und wir hatten auf den letzten Metern mächtig Gegenstrom, bevor wir das Boot an der Ostspitze der Insel auf den Strand fuhren. Um uns herum genau 4 weitere Boote – sonst nichts als Sand, Dünen und die malerischen Reste des alten Anlegers. Nach einem Spaziergang bauen wir die Kuchenbude auf, die die Besatzung des Kimmkielers neben uns neugierig machte. Nette Jungs – zwei Freunde aus Dangast, die zum ersten Mal trocken gefallen waren. Bald standen wir zu viert um den Cobb Grill, teilten Würstchen und Biervorräte und hielten Klönschnack.

Kurz darauf kriegten wir auch noch echtes Wattenkino geboten: das Boot mit dem offensichtlich größten Tiefgang unser kleinen Gesellschaft lag Bauart-bedingt in tieferem Wasser vor Anker. Die Crew war deshalb bei Niedrigwasser mit hochgekrempelten Hosen an Land gewatet. Mittlerweile hatte die Flut eingesetzt, was die Truppe zu hektischem Treiben animierte. Die Maschine wurde gestartet, der Anker ging hoch und das Boot setzte sich in Bewegung. Vom Timing hätte sich das Seegatt angeboten, um danach mit der Tide Nord-Ost-wärts zu segeln. Zu unserem Erstaunen setzten sich die Kollegen aber wattwärts in Bewegung – vor sich das Wangerooger Inselwatt.

Durch das führt ein Prickenweg namens „Telegraphenbalje“, der auf seinem Weg ein Wattenhoch quert, das bei Niedrigwasser locker 1,50m aus dem Wasser ragt. Bei normalem Hochwasser ist es hier um die 2m tief, je nach Tiefgang sollte man die Wasserscheide also plus/ minus eine Stunde um Hochwasser queren. Davon waren wir jetzt noch locker 4 Stunden entfernt. Ungläubig schauten wir erst auf die Seekarte, dann auf die Uhr: mittlerweile ging es auf 23h zu und wurde duster. Auf die Idee, bei Dunkelheit durch einen unbeleuchteten Prickenweg zu fahren, wären wir selbst bei Hochwasser nicht gekommen und waren relativ sprachlos, aber auch sicher, dass wir gerade einem komplett hoffnungslosen Unterfangen beiwohnen durften.

Und so war es auch: durch Topplicht und Motorengeräusch gut auszumachen, konnten wir verfolgen, wie die Nachtwächter vergeblich versuchten, den Kiel durch das Watt zu pflügen. Wenig überraschend hörten wir in der Koje liegend eine Stunde später erneut die Ankerkette rasseln.

Unser Plan für die Rückreise sah vor, mit ablaufendem Wasser wieder seewärts an Wangerooge vorbei zu segeln und dann durch die Harle und das Harlesieler Wattfahrwasser zurück zum Ausgangspunkt zu gelangen. Das bedeutete Anker auf um 05:45h. Die Jungs mit dem Kimmkieler waren da schon längst weg und mit auflaufendem Wasser zurück in den Jadebusen gefahren. Die Schlafwandler der letzten Nacht schliefen dagegen anscheinend erst mal aus und hatten damit zum zweiten Mal das Zeitfenster verpasst, um das Wattenhoch zu queren. Segeln im Watt ist keine Hexerei, aber das grundsätzliche Zusammenspiel von Gezeiten, Fahrwasser und eigenem Tiefgang sollte man beherrschen, sonst kann das auch bei wenig Wind ins Auge gehen.

Das ablaufende Wasser zog uns am Wangerooger Strand entlang und bescherte uns Gegenstrom in der Harle. Da wir auch hier über ein Wattenhoch mussten, wurde unsere „Seefahrt“ bald zu einer Robben-gesäumten Flußfahrt, bis wir bei Niedrigwasser auf der „Hohen Bank“ strandeten. Den planmäßigen Aufenhalt von 2,5 Stunden nutzten wir für ein ausgiebiges Frühstück und genossen das Schauspiel, wie sich der Priel langsam wieder füllte, winzige Nebenpriele überflutet und das Watt unaufhaltsam wieder zum Meer wurde. Wir hatten eine umgeknickte Pricke zum Peilstab bestimmt und setzten uns wieder in Bewegung, als der Wasserstand den Knick erreicht hatte.

Leider ließ uns der Wind jetzt erstmals im Stich: bei wenig Wind gegen an nahmen wir den Außenborder zur Hilfe. In der Flaute trafen wir einige Rückkehrer vom Spiekerooger Ansegeln und eine Horde Seekanuten, die ein schönes Bild abgaben vor der Kulisse der Ostfriesischen Küste und Inselkette.  Viel zu schnell lagen wir wieder am Neuharlingersieler Steg; einer holte Auto und Hänger, der andere klarierte das Boot. Wenig später stand das Boot auf dem Parkplatz. Mastlegen, Umpacken, Einpacken, Abfahren.

Das war´s schon wieder mit uns und dem Watt. Alles, außer langweilig – und noch so viel zu erkunden. Die Karten für Nordfriesland haben wir ja schon.

Stefan Mauer & Kai Cording

Hier noch einige Video-Impressionen von dem Törn

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