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Ehrenmitglied Gerd Eiermann
Wir danken der Yacht für die Erlaubnis, den folgenden Artikel über unser Ehrenmitglied Gerd Eiermann,
der anlässlich der Kieler Wochen in Heft 13/2006 erschienen ist, auch auf der Homepage des DUYC zu
veröffentlichen:
Die Kieler Woche naht. Gerd Eiermann war 35 Jahre dabei. 14 Mal holte er den Sieg. Nach schwerem
Unfall kehrt er nun an die Kieler Förde zurück
Der König von Kiel
Den 17. Juni 2004 wird Gerd Eiermann sein Leben lang nicht vergessen. Der heute 52-Jährige bereitet
sich auf die Kieler Woche vor. Die hat er schon 14 Mal gewonnen - so oft wie kein anderer. Vom
Campingplatz aus fährt er mit seinem Minimotorrad zum Schlauchboot. Um 8.40 Uhr nähert sich ihm
in einer Einbahnstraße ein Auto gegen die Fahrtrichtung mit hoher Geschwindigkeit. Trotz
Vollbremsung kommt es zum Crash.
In der Kieler Lubinus-Klinik wird ein Spaltbruch des Unterschenkels festgestellt. Der ist vom Knie
getrennt, besteht neben den Hauptknochen nur noch aus 22 Splittern. Dazu zwei gebrochene Rippen und
eine gespaltene Kniescheibe. Das Aus für die steile und lange Karriere des Duisburger Seglers.
Und dennoch: Der vielfache Deutsche Meister wird auch bei der nun bevorstehenden Kieler Woche wieder
dabei sein, als Coach der 420er. Die betreut er auf Bitten des Landes-Seglerverbandes Nordrhein-Westfalen.
Gerd Günter Hans Eiermann, wie er nach beiden Großvätern benannt vollständig heißt, kam erst
recht spät zum Segeln. Zwölfjährig nimmt ihn ein Freund der Familie aus dem Düsseldorfer
Yacht-Club auf dessen 30er-Schärenkreuzer mit. Das gefällt dem Jungen. Er engagiert sich
im Cockpit, hilft aber auch bei der Bootspflege. Dann wirbt ihn ein Piratensegler als Vorschoter ab.
Erst mit 17 Jahren bekommt er seinen eigenen Piraten und fährt damit zur Deutschen
Jugendmeisterschaft. Nach Punkten gewinnt er zunächst, doch ein Mitstreiter legt Protest
ein. "Wir hatten angeblich zu wenig Luft in den Rettungswesten", regt sich Eiermann noch
heute auf. Als er mit einem Staatsanwalt im Schlepptau anrückt, um die Sache zu klären, ist der
Protest aber schon entschieden - und zwar gegen ihn.
Von Haus aus soll Eiermann Metzger werden, um später das Familiengeschäft in vierter Generation
fortzuführen. Für die Lehre genügt ein Abschluss an der Mittelschule. "Schweine sprechen
kein Englisch", war damals seine Begründung für den raschen Schulabgang.
Auf dem Wasser steigt er in den olympischen 470er um. Er ist ehrgeizig, wie sein Vater. Der fährt
oft mit dem Sohn zu Regatten, vorwiegend an die Kieler und Lübecker Bucht. Dort verfolgt er das
Geschehen regelmäßig sehr genau von Bord seiner dicken Motoryacht, einer Ancora 44 namens "Ida".
Oft kommt der Junior als Erster ins Ziel, aber wehe, er hat unterwegs erkennbare Fehler gemacht.
Udo Optenhögel, erster Klassenobmann der Kielzugvögel, erinnert sich: "Dann gab es vom
Alten eine Gardinenpredigt, dass der Sieg noch viel höher hätte ausfallen können. Da hat mir der
Gerd Leid getan. Denn seine Leistungen waren bewundernswert."
Die beiden Generationen trennen sich nicht reibungslos. Mit 20 Jahren legt Gerd Eiermann das
Berufsziel Schlachtermeister ad acta. Von heute auf morgen macht er einen Bootsservice-Betrieb
in Duisburg-Großenbaum auf. "Ich hatte es gut, konnte zu Hause wohnen, das Firmenauto benutzen
und habe für Regatten immer frei bekommen", sagt er rückblickend. Trotzdem, irgendwann habe er
mehr gewollt.
Mit dem Schritt in die Selbstständigkeit ist seine olympische Karriere zu Ende. 470er hat er
erfolgreich gesegelt, lange in der Olympia-Ausscheidung für Kingston 1976 geführt. Erst auf der
letzten Serie in Kiel überholt ihn das Duo Frank Hübner/Harro Bode. Keine Schande. Immerhin
kommen die beiden mit der Goldmedaille nach Hause.
Gesegelt hat er weiter. Und wie. Zahlreiche Urkunden zieren die Wände im Geschäft. Es gab
Jahre, da wurde Eiermann in drei Klassen Deutscher Meister. Thomas Schiffer, sein stärkster
Konkurrent im Kielzugvogel über 30 Jahre, meint: "Trotz unserer Konkurrenzsituation
waren wir befreundet. Gerd hat immer mit offenen Karten gespielt und mir oft geholfen. Er
ist eine Klasse für sich. Für mich zählt er zu den wirklich Großen." Einmal gelang
Eiermann ein Hattrick im Flying Dutchman, im Kiel- und im Schwertzugvogel. "Flying
Dutchman machte Spaß, aber ich hatte einfach keine Zeit mehr für eine Olympiaklasse."
Deswegen suchte er nach einer Klasse, die anspruchsvoll war, große Felder an die Linie brachte
und wenig Trainingsaufwand erforderte. So kam er zu den Zugvögeln. "Ich habe auch
die Dyas versucht, aber da war ich auf Anhieb viermal hintereinander Europacup-Sieger
und einmal Zweiter. Das ist dann auch keine Befriedigung."
Eiermann war in seiner besten Zeit so gut, dass er manches Mal einen ersten Platz streichen musste.
Aber er galt auch als hochnäsig. Zu gern erzählen sich Weggefährten, dass er nicht zur
Preisverleihung kam, wenn er einmal nicht Erster geworden war. "Das stimmt leider",
sagt er heute. Und: "Ich kann mich dafür nur entschuldigen. Es war nicht aus Enttäuschung,
sondern ich habe so etwas nie wichtig genommen. Heute weiß ich, dass es ein Schlag ins
Gesicht des Siegers ist."
Außer den Beratern innerhalb seiner Familie hatte Eiermann viele Trainer, gute und schlechte.
"Der beste war Albin Molnar. Der ist individuell auf die Segler eingegangen. Während er
einen Lutz Patrunky mit Samthandschuhen angefasst hat, hat er es mir mit der Keule gegeben.
Beide haben wir anschließend optimal gesegelt." Der gelobte Trainer von damals meint
dazu: "Alle haben mir gesagt, der Gerd ist ein Enfant terrible. Ich habe ihn dennoch
ganz normal behandelt. Und siehe da, der hatte zwar seinen eigenen Kopf, aber auch ein
ungeheuer gutes Gefühl fürs Segeln."
So wie Molnar mit ihm wollte Gerd es seinerseits mit Sohn Basti machen. Als der vor 19 Jahren
geboren wurde, ist Ehefrau Ulrike aus der Klinik zur Kieler Woche gefahren und hat mit dem
Säugling im großen Bus gewohnt.
Der Sozius bekam mit acht Jahren seinen ersten Opti. "Den hatte ich extra mit nach
Medemblik genommen, aber Basti wusste gar nicht, was er damit anfangen sollte." Erst drei
Jahre später habe er gefragt, ob er segeln dürfe.
Nach drei Wochen Training bestritt er seine erste Regatta. "Da schaffte er gleich einen
Platz in der vorderen Hälfte. Ein Jahr später war er Jugendmeister von Nordrhein-Westfalen",
erzählt der Vater voller Stolz. Der Weg des Jungen ging steil bergauf, bis zum 17. Juni 2004.
"Der ist mit meinem Unfall nicht klargekommen und in ein tiefes Loch gefallen",
erklärt Eiermann und zurrt die Spanngurte am 420er-Trailer fest. Damit geht es nach Kiel. Der
Junge habe einen Bruch in seiner Entwicklung erlitten und fange jetzt erst wieder an.
Aber auch der Meister selbst ist nicht mehr der Alte. "Ich merke, dass ich nicht
mehr so kann, wie ich will. Dann werde ich aggressiv. Vielleicht gehe ich doch mal zum
Psychologen." Er hält sein Bein hoch. "Willst du mal die Schrauben fühlen?"
Skilaufen und auch das geliebte Fußballspielen sind nicht mehr drin. Segeln geht gerade noch
für den Hausgebrauch. Immerhin ist er 2005 noch mal mit drei, vier Regatten Ranglistenerster
bei den Zugvögeln geworden.
Für die Dickschiffsegelei taugt er nicht. Er hat es versucht, auf dem Admiral’s-Cupper
"Container" oder auf Hasso Plattners Yachten. "Das ist nichts für mich. Die
Einstellung von vielen dieser Leuten passt mir nicht. Die können heute segeln, morgen
Tennis spielen und übermorgen golfen. Wenn ich etwas anfange, dann richtig."
Günter Eiermann ist lange gestorben. Vor seinem Tod haben sich Vater und Sohn noch ausgesöhnt.
Beide waren sie Dickköpfe, aber beide sind sich schließlich immer mit gegenseitigem Respekt
begegnet. "Ich glaube, er war am Ende auch stolz auf seinen Sohn."
Zu Recht. Nicht nur wegen der sportlichen Erfolge. Gerd Eiermann ist mit seinem Bootsservice
heute der größte Jollenhändler Deutschlands. Seine Kunden reichen von der chinesischen
Nationalmannschaft bis hin zu Opti-Einsteigern, von Surfern bis zu den 420er-Cracks.
Montags ist bei Eiermanns immer Erika-Berger-Tag. "So wie sich von ihr damals die
Fernsehzuschauer Hilfe erhofft haben, klagen die Segler mir ihr Leid und wollen Tipps. Die
kriegen sie von mir. Umsetzen müssen sie sie allerdings selber."
Was ihn auf dem Wasser so stark gemacht hat, ist nach eigenem Bekunden seine Nervenstärke und
seine professionelle Herangehensweise. Das war nicht immer so. Er hätte 15 Mal auf dem obersten
Treppchen der Kieler Woche stehen können, wenn er nicht einmal an der Luvtonne gemeinsam mit
seinem Vorschoter aus dem Boot gefallen wäre. Die Curryklemme der Fußgurte war aufgegangen.
Damals gewann Thomas Schiffer, der es sich nicht nehmen ließ, dem Bademeister ein T-Shirt zu
schenken. "Der hatte von der Zeitung ein Foto, wie wir beide über Bord gingen. Das
hat er auf den Stoff drucken lassen mit der Aufschrift ’Dem Gegner eine Chance’."
Der Supersegler kann heute darüber lachen. Ohnehin ist er nicht humorlos. Wer ihn über mehrere
Jahre hinweg erlebt hat, gewinnt den Eindruck, dass er lockerer geworden ist. Seine Boote taufte
er oft auf den Namen "Nach Ihnen", woran er sich in der Praxis selten gehalten hat. Seinen
Gegnern hingegen war es ein Ansporn.
Die Kieler Woche steht vor der Tür, der Bus ist klar, die Trailer sind gepackt.
"Kiel ist für mich das Größte", sagt der Meister und zieht an der Zigarette. Noch
in diesem Jahr wird er die Eisenplatte und die Schrauben im Bein los. Die Kreuzfahrt, die er
mit seiner Frau statt Skiferien gemacht hat, fand er ganz gut.
Noch besser aber würde er sich fühlen, wenn er mit seinem Vorschoter Andreas Flügge im Cockpit
hocken könnte, um doch noch einen 15. Sieg auf der Förde einzufahren.
Christoph Schumann
Eiermanns Erfolgsbilanz
- 1973 Deutscher Jugendmeister im 470er
- 1976 Zweiter Platz Olympia-Ausscheidung 470er
- 1980 Deutscher Meister Kiel- (KZV) und Schwertzugvogel (SZV)
- 1981 Deutscher Meister im KZV, SZV
- 1982 DM im KZV, SZV und KZV-Kieler-Woche-Sieger
- 1983 DM im KZV, SZV und Flying Dutchman
- 1984 DM im KZV, FD- und KZV-Kieler-Woche-Sieger
- 1985 DM im KZV, SZV- und KZV-Kieler-Woche-Sieger
- 1986 DM KZV, H-Boot-Vize-WM, -DM und -Kieler-Woche-Sieger
- 1987 DM KZV, Steuermann "Container" im Admiral’s Cup
- 1988 DM KZV, Europa-Cup Sprinta Sport, KiWo-Sieg H-Boot
- 1989 DM KZV, SZV Euro-Cup Sprinta Sport, KiWo-Sieg H-Boot
- 1990 DM SZV, Deutscher Vizemeister H-Boot
- 1991 DM KZV, SZV, KiWo-Sieg H-Boot
- 1992 DM KZV, SZV
- 1993 DM SZV, H-Boot, KiWo-Sieg KZV
- 1994 DM KZV, SZV, H-Boot, KiWo-Sieg KZV
- 1995 DM KZV, SZV-Vize-EM Dyas, KiWo SZV
- 1996 DM KZV, SZV Euro-Cup Dyas, KiWo-Sieg KZV
- 1997 DM SZV, DM-Vize KZV, Euro-Cup Dyas, KiWo 2. KZV
- 1998 DM KZV, SZV, Euro-Cup KZV, SZV, Dyas, KiWo-Sieg KZV
- 1999 DM KZV, SZV, KiWo-Sieg KZV, Travemünder Woche SZV
- 2000 KiWo-Sieg KZV, TraWo-Sieg SZV
- 2001 DM KZV, SZV, KiWo-Sieg KZV, TraWo-Sieg SZV
- 2002 DM KZV, SZV, Gardasee Trophy KZV
- 2003 DM KZV, SZV
Insgesamt ersegelte Gerd Eiermann über 50 Meistertitel, gewann mehr als 350 Ranglistenregatten,
holte sich 16 Mal den Sieg bei der Travemünder Woche und 14 Mal bei der Kieler Woche. Er gehörte
acht Jahre lang zur Nationalmannschaft des Deutschen Segler-Verbands im 470er und wurde 1976
Zweiter der Olympia-Ausscheidung.
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